Wang Jixin in Jingdezhen – Auf den Spuren der Geschichte

Wang Jixin in Jingdezhen – Auf den Spuren der Geschichte

von Gerhard Thamm

Keramik ist ein bedeutsamer Teil der Geschichte Chinas. Älteste Spuren reichen Jahrtausende[1] zurück als sich im Neolithikum allmählich Kultur und Tradition der chinesischen Töpferkunst zu entwickeln begannen. Erste glasierte Keramik wurde in China bereits vor rund viertausend Jahren gebrannt. Die Herstellung von echtem Porzellan, also von transparenter Keramik beginnt vermutlich in der Han-Zeit vor rund zweitausend Jahren.

Als erste Blütezeit in der Porzellanherstellung gilt die Dynastie der Song (960 – 1279 n.Chr.). Seither ist auch die Stadt Jingdezhen namentlich auf ewig mit der Geschichte des Porzellans, des china[2], verbunden. Bereits während der Han-Periode (206 v.Chr. bis 220 n.Chr.) hatte sich die anfangs Changnanzhen[3] genannte Stadt, zu einem frühen Zentrum der Keramikherstellung entwickelt. Im 5. Jahrhundert wurde hier bereits mit der Herstellung von Porzellan begonnen. Im Jahre 1004 ernannte der Hof die umtriebige Stadt zur Kaiserlichen Porzellanmanufaktur, die nun die gemäß der kaiserlichen Losung “Jingde”, Jingdezhen genannt wurde. Für ein Jahrtausend wurde von hier das berühmte weiße Gold an den kaiserlichen Hof und in die ganze Welt verschickt. Jingdezhen und China, wurden Synonyme für das Reich der Mitte.

Jingdezhen hat seither einen signifikanten Einfluss auf die Kulturgeschichte Chinas, die damit gleichzeitig auch zur Industriegeschichte wurde. Wenn sich nun der chinesische Maler Wang Jixin mit der Geschichte und dem Status Jingdezhens auseinandersetzt und sie in den Bildern seines Arbeitszyklus’ “Der verlorene Ruhm”[4] inszeniert, bedeutet das wiederum, dass er sich damit auch intensiv mit der sozialen Realität und dem Einfluss auf die Sozialgeschichte des Landes sowie mit den sozialen Transformationen nach den wirtschaftlichen Umwälzungen der 80er auseinandersetzt. Für Wang Jixin steht Jingdezhen als Symbol für die Kultur und Tradition seiner Heimat und gleichsam für die sozialen Konflikte, die der seit Jahrzehnten sich vollziehende Umbruch in ein neues, modernes, schnell wachsendes und sich stark wandelndes China mit sich bringt.

 

Seit der wirtschaftlichen Öffnung Chinas ließen es die Zentralregierung in Peking wie die Provinzregierung der Jiangxi-Provinz zu, dass mehr und mehr der traditionsreichen Porzellanmanufakturen in Jingedzhen schliessen mussten. Während andernorts Industrie und Wirtschaft begannen, rapide zu wachsen und den Menschen dort neuen Wohlstand brachten, wurde hier Abertausende von Menschen mit Almosen abgespreist, vergessen und ohne Hoffnung zurück gelassen. Jingdezhen teilte mit anderen Städten und ehemals florierenden Unternehmen das Schicksal, dass Traditionsbereiche nunmehr aufgegeben und zahlreiche Betriebe geschlossen wurden, deren “Manager” nicht gelernt hatten, ihre “Unternehmen” erfolgreich in einem globalen Wettbewerbsumfeld zu positionieren. Millionen von Menschen fühlten sich plötzlich von einem vermeintlich sorgenden Parteiapparat verlassen und verraten. Auch wenn heute vereinzelt wieder Bemühungen zu spüren sind, das alte, traditionsreiche Handwerk der kunstvollen Porzellanherstellung neu zu beleben, so gilt für die überwiegende Zahl der Arbeiter, Handwerker und Künstler in der einst so blühenden Weltmetropole des Porzellans, die ihre gesamte Sozialisation ausschließlich in diesen Manufakturen und in funktionierenden Nachbarschaften durchlebt hatten, dass sie sich urplötzlich in einer enorm kritischen und scheinbar aussichtslosen Situation befanden und bis auf den heutigen Tag unter den sozialen und wirtschaftlichen Problemen dieses Wandels leiden. Für mehr als ein Jahrtausend waren sie der Stolz einer ganzen Nation, doch plötzlich ist der Glanz verblichen und der Ruhm verloren: Die ehemaligen Helden der Arbeit und Gestalter des Erfolges wurden plötzlich zu den Verlierern einer vermeintlich modernen, sich schnell verändernden Gesellschaft inmitten der Globalisierung, vergessen auf zerbrochenem Porzellan.

Jingdezhen und deshalb auch Wang Jixins Arbeiten sind der sichtbare und kraftvolle aber auch mahnende Ausdruck von Chinas Transition in eine scheinbar moderne Gesellschaft, die sich an einer freien Marktwirtschaft ausrichtet.

[1] Nach neuesten Erkenntnissen sind die ältesten Spuren chinesischer Keramik rund dreizehntausend Jahre alt und somit die ältesten der Welt.

[2] Der englische Begriff china für Porzellan existiert etwa seit rund vierhundert Jahren. Es wurde verkürzt aus dem ursprünglichen Begriff china-ware, was zunächst einfach “Waren aus China” bedeutete. Es wurde schließlich zu “china” verkürzt und findet sich seit dem 17. Jahrhundert in der Bedeutung für “duchsichtige Töpferarbeiten”, gemeint ist Porzellan. china oder chinaware ist ein Synonym für Porzellan (porcelain), bes. für sehr feines und dünnes Porzellan.

[3] Jingdezhen, Stadt der Jingde-Periode, 景德鎮市, hieß ursprünglich – bis zum Jahr 1004 – Changnanzhen昌南鎮. Andere Quellen sprechen von weiteren Namen wie Xinping(zhen) und Taoyang(zhen). “Jingde” war die Periode von 1004 bis 1007 während der Nördlichen Song-Dynastie. Der Song-Herrscher Zhao Han (andere Quellen sprechen von Sheng Zong) hatte in dieser Zeit einen Vertrauten in die neue Kaiserliche Porzellanmanufaktur geschickt, um das für die kaiserliche Familie bestimmte Porzellan zu überrüfen. Auf jedes dieser Stücke wurde der Begriff “Hergestellt in der Jingde-Periode” aufgetragen. So wurde dieses Symbol zu einer Art Gütesigel, zum Inbegriff für qualitativ hochwertiges Porzellan und aus Changnanzhen wurde nun Jingdezhen.

[4] Oder auch “der verblichene Glanz”; engl. the lost glory; chin. 逝去的辉煌.

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